Berlin/ Magdeburg - Und auch bei den vielen Online Abstimmungen, ob Christian Wulff im Amt bleiben solle, änderte sich kaum etwas. www.wirtschaftsspiegel.com hatte gestern auf das Voting des MDR hingewiesen. Um 18 Uhr sah das Ergebnis so aus: 85 Prozent (1986 Stimmen) wollen, dass Christian Wulff aufhört, 14 Prozent (330 Stimmen) möchten, dass er im Amt bleibt. Und ein Prozent (29 Stimmen) ist unentschieden.
Heute morgen hatte sich das Barometer so verändert: Für einen Rücktritt stimmten 84 Prozent (780 Stimmen), gegen einen Rücktritt: 15 Prozent (486 Stimmen), unentschiedeten zeigte sich ein Prozent (37 Stimmen).
Sicher, das Ergebnis ist nicht repräsentativ, entspricht aber den vielen anderen Abstimmungen im Netz. Und auch bei der repräsentativen Meinungsumfrage in der ARD stiegen die Rücktrittsforderungen am gestrigen Mittwoch vor dem Interview erstmals auf über 50 Prozent.
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Öffentlich-rechtlicher Rundfunk erlebt ein Waterloo
FAZ: "Der Bundespräsident gibt ARD und ZDF ein Interview. Sonst redet er mit niemandem. Das verrät viel über das Amtsverständnis von Christian Wulff. Die wichtigsten Fragen bleiben offen, vor allem die, ob er kritische Berichterstattung verhindern wollte. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk erlebt ein Waterloo. (...) Die Fragen waren nicht das Problem in dieser öffentlich-rechtlichen Sendung. Das Problem war das Format. Wenn man dem Präsidenten die fünf, sechs anstehenden Fragen stellen will und dafür nur eine Viertelstunde Zeit hat, dann ist es kaum möglich, an den Stellen mehrfach nachzuhaken, an denen sich die Widersprüche auftun. Zum Beispiel: Was ist das für eine „Bitte“, wenn Redakteuren mit dem Strafrecht gedroht wird? Oder: Es ging nur um Aufschub? Aber die „Bild“-Zeitung hatte doch schon Tage vorher einen länglichen Fragenkatalog geschickt, wie am Mittwoch im Blatt dokumentiert. Und der Präsident hatte auch schon antworten lassen - die Antworten dann aber wieder zurückgezogen. (...) Im Interview bei ARD und ZDF bleibt die Behauptung stehen. Abnehmen muss man sie Christian Wulff nicht. Wer hier den Rubikon überschritten hat, von dem auf der Mailbox die Rede ist, ist eigentlich keine Frage mehr."
Keine Weihnachtsansprache
Tagesspiegel: "Dass sich Wulff nicht traut, in eine Live-Sendung zu gehen, sagt doch viel aus. Man muss sich noch einmal vergegenwärtigen, warum dieser Auftritt überhaupt notwendig wird: weil er versucht haben soll, Einfluss auf Berichterstattung zu nehmen. Oder, um es anders zu sagen: Er soll versucht haben, die Pressefreiheit einzuschränken.
Deshalb wäre ein Auftritt vor der gesamten Presse angebracht gewesen, vielleicht sogar vor der Bundespressekonferenz. Eine Einladung dafür lag vor. Eine ordentliche Pressekonferenz mit Fragen aller Medienvertreter - egal, ob Öffentlich-Rechtlich, Privat, Print, Online oder Radio. Das hätte signalisiert, seht her, ich nehme mir Zeit und bin bereit, mich allen Fragen ein für alle Mal zu stellen. So aber wird es von Beginn an halbgar. Dass die Verantwortlichen von ARD und ZDF das Interview nicht absagten, ist verständlich - jeder Sender hätte es wohl genommen.
Aber die Damen und Herren vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk hätten dem Präsidenten wenigstens klar machen können, dass es sich diesmal nicht um die Weihnachtsansprache handelt."
Höchstes Staatsamt als Lehrberuf?
BILD: Nein, dieser 21 Minuten kurze Auftritt war kein Befreiungsschlag. Christian Wulff hat die letzte Karte gezogen: Menschen machen Fehler und aus diesen Fehlern wolle er lernen, erklärte der Bundespräsident reumütig im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Er sei als Bundespräsident ins kalte Wasser geschmissen worden – das höchste Amt im Staate als Lehrberuf? Nein, an dieser Stelle war nicht allein zerknirschte Rechtfertigung, sondern wahrhaftige Aufklärung gefragt. Doch die ist Christian Wulff sowohl zu seinem Anruf bei BILD als auch zu seinen umstrittenen Hauskrediten schuldig geblieben. Damit hat Wulff eine weitere, womöglich die letzte Chance vertan, seine Amtszeit mit Würde fortzusetzen.
„Die Persönlichkeit des Amtsinhabers prägt zwangsläufig die Amtsführung in besonderem Maße“, heißt es auf der Internet-Homepage des Bundespräsidenten. Christian Wulff hat das Amt in den letzten Wochen tatsächlich geprägt. Aber das Amt wird Jahre brauchen, bis es sich davon erholt.
Mehr tun, als sich an das Amt klammern
Berliner Zeitung: „Was würde eigentlich passieren, wenn die Bundesrepublik einmal von einer nationalen Katastrophe betroffen wäre; von einem verheerenden Unfall in einem Atomkraftwerk wie in Japan oder von den Taten eines Massenmörders wie in Norwegen, Ereignisse, die an den Nerv einer Gesellschaft gehen? Wäre Christian Wulff dann derjenige, auf dessen Worte man warten würde? Der die richtigen Sätze und die richtige Haltung fände, um die Nation zusammenzuführen und aufzurichten? Das wäre die Aufgabe eines guten Bundespräsidenten. Aber dazu müsste er mehr tun, als sich an das Amt zu klammern.“
Glaubwürdigkeit verspielt - Mtleidstour
Elmar Theveßen, Kommentator bei „heute“ (ZDF): „Seine Glaubwürdigkeit ist verspielt. Er ist ein Bundespräsident auf Bewährung. Die zweite Chance bekommt Wulff nur deshalb, weil die Koalition nicht stark genug ist für die Wahl eines neuen Präsidenten.“
Jens Borchers, Kommentator der Tagesschau (ARD): Christian Wulff hat nicht überzeugt. (…) Ich empfinde das als verspätete Mitleidstour. Vor allem aber als Beweis, dass Christian Wulff immer noch nicht verstanden hat, um was es hier geht. Es geht um das höchste Staatsamt der Bundesrepublik.
Zum Fremdschämen
Frankfurter Rundschau: "Es geht in der Hauptsache um Format, um Haltung. Und darum, ob der Mangel daran Christian Wulff hindert, sein Amt so gewissenhaft und kraftvoll auszuüben, wie er es bei seinem letzten öffentlichen Auftritt im Schloss Bellevue versprochen hat. Dass er das noch kann, erscheint fast ausgeschlossen. So heilend kann gar kein Fernsehinterview wirken."
WAZ: "Ein Präsident, der um Verständnis bittet und um Entschuldigung. Ein Präsident, der seine Familie nach vorne schiebt. Und auch einer, der die seltsamsten Spekulationen um seine Frau noch selbst befeuert, indem er diese als „Fantasie“ bezeichnet. Einer, der sich am Ende selbst freisprechen muss, weil es kein anderer tut. Zum Fremdschämen."
Sein persönlicher Canossa-Gang
Spiegel Online: "Wulffs Auftritt zur besten Sendezeit bei ARD und ZDF hat etwas erschreckend Banales. Zu besichtigen ist keine präsidiale Lichtgestalt, sondern ein Präsident, der förmlich um Gnade bettelt. Statt wirklich aufzuklären, simuliert er Transparenz, Offenheit, Ehrlichkeit - 25 Minuten lang. Das ist nicht einmal Staatsschauspiel, das ist Osnabrücker Puppentheater. (...) Es ist möglich, dass Wulff damit durchkommt. Jeder weiß: Angela Merkel, Horst Seehofer, und wie sie alle heißen, wollen jetzt keine neue Präsidentenwahl. Zu lästig, zu nervig, zu groß ist für sie die Gefahr des Scheiterns. (...) Es ist durch und durch mittelmäßiges Machtkalkül, zu dem Merkel und Co. den passenden Präsidenten haben. Wulff ist entschlossen, die Affäre auszusitzen. Das sieht nun jeder."
tageszeitung: "Für Wulff war es die letzte Chance, und es wurde sein persönlicher Gang nach Canossa. (...) Wulff wirkt in dem Gespräch mit Bettina Schausten und Ulrich Deppendorf angespannt, angefasst. Öfter verwendet er das Bild vom Innersten, dass er nach Außen kehre. An diesem Abend sieht man keinen Bundespräsidenten sprechen. Sondern einen wankenden Politiker, der sein Amt weiter ausüben will (...) – der kriechende Präsident."
Christian Wulff hat sich verziehen
Michael Spreng Betreiber des Internet-Portals sprengsatz.de: "Beim Zuschauen des TV-Interviews stellte sich ein ungutes Gefühl ein, eine Mischung aus Mitleid und Fremdschämen, aus ungebrochener Empörung und dem Wunsch: Hoffentlich ist bald Schluss. Besonders an der Stelle, als er sagte, er habe sich 'als Opfer gesehen' und als er 'Menschenrechte auch für Bundespräsidenten' einforderte. Sein Amt mache ihm 'Freude', sagte Wulff. Er ist mit sich wieder im Reinen. Er hat sich verziehen. So einfach ist das. Präsident auf Bewährung? Das sei “völlig daneben”. Wenn man daran denkt, wer an seiner Stelle im Schloss Bellevue hätte präsidieren können, dann verstärkt sich dieses ungute Gefühl. Musste ein solcher Mann nach von Weizsäcker, Herzog und dem untadeligen Köhler kommen? Hätte uns nicht Angela Merkel davor bewahren können?"
